14. Juli 2015

Kanal voll ...

... oder Oberkante Unterlippe! Beim Anblick des Schleusentors wurde mir klar: "Das hier ist sprichwörtlich."


Der Sommer ist zurück, ein bißchen jedenfalls. Statt Gärtnern darf es auch mal etwas anderes sein und so haben wir die Fahrräder auf das Auto gepackt und sind Richtung Norden gefahren.

An der Ostküste ist die E22 der Hauptverkehrsweg nach Norden. Bei Söderköping überquert sie den Götakanal und das kann während der Hauptsaison im Sommer lange Staus und Wartezeiten bedeuten. Die Kanalschifffahrt hat Vorfahrt. Dann bricht jedesmal die Straße wie von Geisterhand in der Mitte auseinander und beide Teile winkeln sich wie Unterarme an.

Kurz vorher wird das Auto geparkt und es geht auf dem Fahrrad weiter durch Söderköping zum Kanal hinauf.

Neben dem Kanal ist der "Teufel los". Flanierende Touristen mit dicken Eisportionen, Freizeit Skipper mit betont lässigem Gang, Bedienungen mit schwankenden Tabletts teilen sich den schmalen Weg neben der Wasserstraße mit uns und einigen anderen Radlern.

Auf dem Kanal geht es nicht weniger turbulent zu. Tuckernde Boote und am Kai vertäut Segelboote mit Masten so hoch wie Einfamilienhäuser geben dem Ganzen einen Flair von Südfrankreich. Dazwischen schwimmen Enten, die fluchtartig das Wasser verlassen, sobald sich eine Bugwelle nähert; keine echte Gefahr, es besteht eine Geschwindigkeitsbegrenzung von max. 5 Knoten, das sind 9,26 Kilometer in der Stunde.

Dann wird die Zahl der Menschen auf dem Gehweg mit jedem Meter weniger. Die Geräusche verebben allmählich im Hintergrund. Noch ein paar Wanderer und Weg und Götakanal breiten sich mit unnachahmlicher Gelassenheit in die Landschaft.

  
Ziel unserer Fahrt ist die Stelle, an der sich der Götakanal mit der Ostsee verbindet, Anfang oder Ende! "Straßen, egal ob Wasserstraßen oder andere, haben neben dem Verbindenden auch etwas Trennendes", geht es mir durch den Kopf. Der Götakanal trennt einen Teil Südschwedens von der skandinavischen Halbinsel ab. Von hier führt er die Schiffe von der Ostsee in westliche Richtung nach Göteborg. Unterwegs nutzt er alle möglichen Seen und zum Schluss den Götaälv, der die Wasser schließlich in das Kattegatt entlässt. 


Es ist nicht weit bis zur ersten bzw letzten Schleuse und es ist auch nicht schwer zu erkennen, wann das Ziel erreicht ist. Schaulustige treffen sich überall dort, wo sich mehr oder weniger Spektakuläres abspielt. Die Szene hat etwas Familiäres. Immer wieder kommen Boote von der Ostsee herein. Die Fahnen am Heck verraten das Ursprungsland.

Dann wird es ernst. Diesmal geht es anders herum. Drei Boote wollen von Westen kommend weiter in die Ostsee segeln. Mühelos riegelt die Hydraulik die Schleusenkammer ab. Die Fender, das sind längliche Polster am Schiffsrumpf, reiben sich an der Kaimauer, als der Wasserpegel zu sinken beginnt. Die Taue sind gespannt, wie der Skipper am Steuer. Langsam fließt das Wasser seitlich aus der Kammer ab, bis der Wasserstand mit dem unteren Teil des Kanals übereinstimmt. Jetzt gibt das untere Schleusentor den Weg für die Schiffe frei.


Wer jetzt die Weite der Ostsee im Blick erwartet, wird ein wenig enttäuscht sein. Landschaftlich gesehen füllt das Brackwasser der Ostsee hier erst mal nur die "Täler zwischen Hügeln". Erst hinter der Schärenlandschaft des St. Anna Schärengartens beginnt die "große, weite Welt" der See.


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