2. März 2016

"Weg von der Welt"


Gleich beim Kloster trennen sich die Wege. Beide führen durch den Wald, einer bergan, der andere bergab. Der weiche Schnee, der erst vorgestern hier gefallen ist und noch keine einzige Spur aufweist, klebt dick an den Stiefeln, die jetzt dunkle Abdrücke von Nässe hinterlassen.

Von den hohen Fichten regnet es Tauwasser. Hunderte, ach was, tausende kreisrunde Punkte haben die Schneedecke an vielen Stellen durchlöchert und immer wieder treffen Tropfen knisternd darauf, vor allem, wenn der Wind durch die Äste fährt. Manche Tropfen erreichen nicht den Schnee, sondern meinen Kopf.

Vorsichtig, mehr tastend als gehend, laufen wir den Abhang hinunter. Unten erwartet uns ein Tal, das des Siebengrünbaches. Es hat etwas Abgeschiedenes an sich. Steht man unten am Waldrand, fühlt man sich "weg von der Welt", gerade jetzt im Winter. Jedes Mal wieder wirkt der Eindruck befremdend auf mich, so sehr ist uns die laute, hektische Zeit in Fleisch und Blut übergegangen.




Durch den Dunst dringen kaum Fremdgeräusche zu der schmalen Lichtung vor. Nur Wind und Wasser und wenn ich still stehe, eine ganze Zeit lang nichts weiter. Was mir in der heimatlichen Gegend früher stets als Mangel und Makel vorkam, wird plötzlich zum Seltenheitswert. Die Gründer des Klosters haben den Ort für Praxis und Meditation ausgezeichnet gewählt.

Im vergangenen Herbst war ich zum letzten Mal im Tal. Und obwohl das Meiste unter dem Schnee verborgen ist, bemerke ich Veränderungen. Zu allererst fällt mir das neue Brücklein ins Auge. Das alte war morsch und da genau an dieser Stelle ein Wanderweg das Siebengrünbachtal quert, musste es ersetzt werden.



Der Bach hat seinen Lauf verändert, auch hier hat der Mensch Hand angelegt. Manchmal gelingt es ihm, sich gut in die Natur einzufühlen, so als hätte das Wasser seinen Weg selbst gefunden. Ein Nebenarm fließt in den ehemaligen Fischteich: Neues Wasser kommt, altes Wasser geht, die Frische und Klarheit quirlig- sprudelnden Lebens inmitten einer Oase der Stille. 






Auf dem Rückweg den bewaldeten Hügel hinauf, kommt uns einer der drei ansässigen Mönche entgegen. Die gelbbraune Robe zeichnet sich von weitem deutlich vom Weiß und Grün des Waldes ab.
Das Wahren der Stille und respektvolle Zurückhaltung sind Regeln für Besucher und auch jetzt warten wir im Vorübergehen ab, ob der Gruß der Anfang einer Unterhaltung sein kann. Wir hatten schon ein paar Mal die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Ajahn M. und auch diesmal nimmt er das überraschende Treffen wahr, mit uns ein paar Worte zu wechseln.

Schön zu erfahren, dass die Mönche des Klosters Muttodaya in der Abgeschiedenheit des Frankenwalds bleiben werden. 
    


Kommentare:

  1. Liebe Beate
    eine schöne Begegnung dort an diesem Ort und ich spüre diesen Ort der Stille durch deine Worte und es muss doch ein einmaliges Erlebnis sein mit ihm zu sprechen.
    Danke für dieses Erlebnis ein Stückchen teil zu nehmen zu dürfen!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Die wenigen Begegnungen haben mir zumindest gezeigt, welch spürbar positive Auswirkung intensive Meditation hat. Die Ruhe und Kraft, die von diesen Menschen ausgeht wirkt auch auf das Gegenüber harmonisch und stärkend. Jede Begegnung ist bereichernd. Ich bin sehr gerne dort.

      Lieben Gruß
      Beate

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  2. Liebe Beate,
    fast schon meditativ hast du mich an diesem Ort geführt. Deutlich fühlt man diesen wunderbaren Ort, der zu Berühren vermag. Lieben Dank fürs Mitnehmen.
    Herzliche Grüsse, Sichtwiese

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  3. Ich habe auch erfahren, dass es in Kandersteg ein buddhistische Kloster der Theravada-Tradition gibt, die mit Muttodaya Austausch pflegen. Und natürlich gibt es um uns herum für jeden ganz persönliche Orte, die sie/ihn besonders ansprechen.

    Herzlich
    Beate

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  4. Ich liebe die Stille. Es muss ein wunderschöner Spaziergang gewesen sein.
    Lieben Gruß
    Katala

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  5. Auf merkmürdige Weise ist dort so leicht zu sich zu kommen. Ständig vielen Reizen ausgesetzt zu sein, stumpft ab. Stille ist Not-wendig.

    Lieben Gruß
    Beate

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  6. Beim Anblick des ersten Bildes und deiner Beschreibung vom (nur) Hören von Wind, Wasser, Stille, kamen mir meine eigenen Gedankenbilder von M. Haushofer geschrieben in den Sinn, den Film sah ich nämlich nicht. So ähnlich habe ich es mir vorgestellt, mächtig und voll.
    Wie nachhaltig und tief so ein Ort, Geräusche, Geruch, das Fühlen der kühlen Tropfen, eine Begegnung dazu, haften kann, kann ich nachspüren. Manchmal, zu einer anderen Zeit, passt dies und das zusammen und plötzlich ist eben dieser Moment wieder da.
    Habe vergeblich nach Hjärtblad gesucht, es gibt es wohl nur in schwedisch?!
    Alles Liebe zu dir, Birgit

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