30. Juni 2016

Svensson&Svensson - der 12tel Blick #6







... und eines Morgens ist der 12tel - Blick verstellt. 

Erst hört und fühlt es sich erschreckend an, als würde sich neben dem Bett die Erde auftun. Es donnert, holpert und kreischt. Ungetüme vor dem Fenster beweisen den "Ausnahmezustand". 


Das, was eigentlich auf Straßen gehört, nimmt sich zwischen Häusern deplaziert und überdimensionert aus. Was nach einer guten Nachtruhe so apokalyptische Ausmaße hat, erweist sich bei längerem und näherem Hinsehen als viertel so schlimm.

Die Bäume, inzwischen stattliche Birken und Kiefern, haben die Asfaltdecke mit ihren Wurzeln angehoben. Die Wurzeln werden gekappt, die Asfaltdecke erneuert.


Er hier ist ein Meister seines Faches. Ich traue ihm zu, dass er die Schale seines Frühstückseies mit dem "Baggerlöffel" öffnet.

andere 12tel Blicke gibt es bei TABEA

25. Juni 2016

In Saus und Braus

"Mittsommer" das ist für viele Gäste eines der Zauberwörter des Nordens. Gestern Nachmittag wurde an verschiedenen Orten des Landes zum Tanz um die Majstånge geladen, die übrigens ein Mitbringsel deutscher Einwanderer ist und sich geradewegs vom Maibaum ableitet ( O-Ton Schwedisches Fernsehen).



Wie überall, so ist auch das Leben in Schweden Veränderungen unterworfen. Die meisten Menschen leben in Zentren und was touristisch gesehen als Attraktion aufrechterhalten wird, verebbt als Tradition in der Bevölkerung, auf dem Land weniger, als in der Stadt.

Auf verschiedene Arten habe ich den Mittsommertag schon verbracht und für mich ist die Art, wie ich den Tag in diesem Jahr verlebt habe, die Schönste: "In Saus und Braus". Dass man das auch anders verstehen kann, als gewöhnlich, bedurfte eines Blitzgedanken und eines kurzen "Ja, stimmt".



Ich muss vorweg nehmen, Midsommar ist Weihnachten mit Erdbeeren. Da nützt auch die Umetikettierung von gewöhnlichem Sill zu Midsommarsill nichts. Kulinarisch gesehen befinden wir uns in der Diaspora. Es wirkt inzwischen auf mich wie "Essen aus der Retorte". Das erste Mal bleibt es allerdings schon ein Erlebnis, das Midsommar-, Jul- oder andere Feste -bord, wie der Tisch mit dem Festessen genannt wird.

So hat mein "Saus und Braus" auch nichts mit dem Geschmackssinn, sondern mit Gehör, Nase und Augen zu tun. Es ist der Saus und Braus in der Natur, der sich gestern ganz besonders hervortat, weil es warm und sonnig war. Das gab es an Mittsommer lange nicht mehr so ausdauernd.







Insektensummen, Vogelgesang, Windsäuseln und Farbfeuerwerke ergaben mein Menue zu Midsommar, ein "Saus und Braus" der anderen Art.



18. Juni 2016

Ein Mispelbaum zieht um - vom Ende eines Experiments

Wenn man lange genug wartet, gibt es manchmal ein kleines Wunder oder ein HAPPY END oder beides auf einmal. Mit Wollen ist da nichts getan, solche Ereignisse sind Fügung.

Am 12. Juni 2012, also vor fast genau 4 Jahren kaufte ich auf dem Gemüsemarkt in Linköping, der nächsten Großstadt, Früchte einer "Japanischen Wollmispel", bei uns kurz Mispeln genannt. Ich kaufte sie aus Neugier, weil ich noch nie welche gegessen hatte.

Meiner Experimentierlust Folge leistend, steckte ich sechs Kerne in Töpfchen mit Erde und wartete viele Wochen, bis sich tatsächlich grüne Keime ans Licht reckten. Alle sechs Keime bekamen Blättchen und wurden unterschiedlich alt. Einige gingen trotz gleicher Pflege ein, zwei verschenkte ich, bis im vergangenen Jahr ein Bäumchen übrig blieb. Es war in der Zwischenzeit fast einen Meter hoch.

Mir war längst klar, dass ich das Bäumchen nicht behalten kann, suchte nach einem geeigneten Platz, an dem es wenigsten eine Überlebenschance von ein paar Jahren bekommen könnte. Schlimmstenfalls hätte ich wohl Guerillagärtnerei betrieben und es im warmen Süden an geschützter Stelle eingepflanzt.

Der Zeitpunkt rückte näher, an dem eine Entscheidung zu treffen war. Inzwischen hatte ich mit meiner Mutter ausgemacht, dass das Mispelbäumchen im Eingangsbereich ihres Hauses einen Zwischenaufenthalt einlegen darf. Kein idealer Platz und noch immer im Topf beheimatet wäre auch das kein Dauerzustand, denn Japanische Wollmispeln können 7-12m hoch werden(lt.Wikipedia).

Nun kam alles ganz anders, wie das Leben eben spielt. Meine Japanische Wollmispel zieht um und zwar 400km weiter westlich an die Westküste Schwedens in die Nähe der Stadt Göteborg. Ein Trauerfall, eine Hochzeit, ein Umzug und die Bekanntschaft zu der Frau, die das alles betrifft, hat dem Baum die neue Heimat verschafft.

Ihr zukünftiger Ehemann besitzt einen großen Garten und ein ebenso großes beheizbares Gewächshaus, in dem, wie er mir erzählte, weitere Pflanzen aus dem Mittelmeerraum beherbergt. Er selbst ist passionierter Botaniker und hat Beziehungen zum Botanischen Garten der nahen Großstadt. Wir brauchten nur wenige Minuten, um überein zu kommen. Das Bäumchen macht derzeit einen sehr guten Eindruck, mit vielen frischen hellgrünen Trieben und großen hellgrünen Blättern, ohne Schädlingsbefall und frisch umgetopft!

Eine Viertelstunde später lag das Bäumchen im Auto, ich war den Tränen nahe, durfte noch ein paar Fotos machen und dann wurde es davongefahren.

Adjeu, mach es gut, kleine Mispel und Deinen neuen Besitzern viel Freude mit Blüte und Früchten.


15. Juni 2016

Das Buchweizenexperiment - Teil 5 -

So schnell kann es gehen! Als ich gestern den Garten gießen war, so was mache ich noch ohne Brille, dachte ich:" Komisch, wie manche Blüten aussehen". Bei näherem Betrachten, jetzt mit Brille, sah ich die kleinen kantigen Kapseln an einigen Blütenblättern, wohlgemerkt an den Pflanzen, die seit März im Topf wachsen und dem Freilandbuchweizen meilenweit voraus sind.


Da sind sie also, die Früchte der Buchweizenpflanze. Inzwischen habe ich mich etwas eingelesen in die Verarbeitung. Buchweizen ist ungeschält genießbar, wenn man ein paar Voraussetzungen beachtet. Aber davon später, wenn ich ihn geerntet habe und das dauert beim Freilandbuchweizen ja noch bis mindestens August.

14. Juni 2016

Von Bienen, Mäusen und anderen Geschöpfen

Es war hier schon immer irgendwie anders. Sobald man von der Straße abzweigt "verschwindet" man im Wald. Der Weg windet sich hindurch, hinauf auf die kleine Anhöhe, nicht ohne vorher ein kleines Tal zu durchqueren. Der felsige Hügel ist eine Inlandsschäre, vor tausenden von Jahren eine Meerwasser umspülte Insel, wie es hier hunderte gibt. Der Boden ist felsig und sandig.




Es ist warm. Vom Motorenlärm wird eine kleine schwarze Ringelnatter aufgeschreckt. Hastig schlängelt sie sich auf die andere Wegseite. Ich bemerke sie im letzten Moment. Aber Schritttempo heißt es hier ohnehin. Seit der Bauer einen Teil des Waldes roden ließ, ist der Weg mehr denn je allen Wettern ausgesetzt.

Oben angekommen, zeigt sich das bekannte Sommerbild des Waldbienenhofes. Das warme Rotbraun von Haus und Scheune leuchtet vor der grünen Kulisse. Der Empfang steht bereit. Eine Bachstelze, seit Generationen jeden Sommer hier zu Hause, sitzt auf dem Dachfirst und singt ihr Lied. Dabei wippt sie aufgeregt mit dem Schwanz und blickt mit großen schwarzen Kulleraugen zu mir hinunter.



Auf dem Waldbienenhof leben grob geschätzt 100 000 Bienen. Das Summen, das Rauschen der Bäume im warmen Frühsommerwind, der Vogelgesang, verdichten sich zu einer einzigartigen,lebendigen Natursinfonie. Bereits jetzt fühle ich mich weit weg von Allem, was mit Menschen zu tun hat.

Die ersten Minuten verbringe ich auf der Bank vor dem Haus. Die kleine Bachstelze leistet mir Gesellschaft, fliegt zwischen den Dächern der Waldhofhäuschen hin und her und jagt nebenbei ein paar Insekten.

Immer wenn ich die Strecke aus der Stadt hierher fahre, habe ich "Arbeit im Gepäck". Auf dem Waldhof liegt mein dritter und kleinster "Garten", ein Beet, das ich vor Jahren zur Verfügung gestellt bekam, ein Freundschaftsdienst für eine (damals) gartenlose Gartenliebhaberin.


In diesem Jahr wachsen Lein und Buchweizen, wie im Garten in der Stadt. Die Gründüngung zwischendurch tut dem kargen Boden gut. Trotz Regenmangel wächst das Unkraut besser als die Pflanzen und droht sie zu überwuchern. Ich war eine Woche nicht hier. Was für den Buchweizen kein Problem wäre, ist für den Lein existenzbedrohend. Also mache ich mich ans Unkraut jäten.

Danach ist Mittagspause. Auf der Bank unter dem Sonnensegel mache ich es mir gemütlich, packe das mitgebrachte Essen aus und merke, ich werde beobachtet. Meine Augen suchen, bis sie in ein weiteres Paar schwarze Kulleraugen blicken, diesmal in Bodennähe.


Ich versuche die Fotokamera startbereit zu machen. Da ist das Mäuschen weg. Schade denke ich und lege die Kamera beiseite. Kurz danach sitzt die Schreckhafte wieder auf ihrem Platz. Nicht lange und ich weiß was sie will. Ja, auch bei Maussons wird zu Mittag gegessen. Der Schluck Wasser darf da nicht fehlen.


Während ich mir das obligatorische Käsebrot schmecken lasse, zieht sich das Mäuschen in die Waldrebe zurück. Dort warten saftige, frische Blätter, die so groß sind, als hätten wir eine 1.60m große Spinatpizza vor uns liegen. Allerdings hätten wir ein Problem diese so schnell zu essen. Eines um das andere Blatt wandert in den Mäusemagen.




Und weil die Maus nicht vom Blatt alleine lebt, "teile" ich mit ihr den Käse auf meinem Brot.


In Gesellschaft isst es sich halt angenehmer. Es hat ihr gefallen. Wir saßen dann noch eine Weile gemeinsam da, schweigend und schauten und hörten den Tieren auf der Lichtung zu.

PS: Ich war so aufgeregt, dass ich mir den Objektivwechsel (ich benutze das kleine Tele) verkniffen habe. 


12. Juni 2016

Das Buchweizenexperiment - Teil 4 -


 Die kleinen kantigen Buchweizenkörner haben entfaltet, was in ihnen steckt: 1,4m hohe Pflanzen mit unzähligen kleinen weiß-rosa Blüten. Für die Bestäubung musste der Trog aus dem Gewächshaus getragen werden. Glücklicherweise gab es keine eiskalten Nächte mehr. Die Zellen der weichen, wasserhaltigen Pflanze würden im Frost bersten, die Pflanzung wäre "hinüber".


Leider hat das Bienenvolk in der Nähe einen anderen Standort bekommen, sodass mein Buchweizen nun auf zufällige Insektenanflüge angewiesen ist. Bei dem sommerlichen Nahrungsangebot bin ich froh, wenn sich trotzdem eine Biene auf meinen Buchweizen "verirrt".

Während der früh gesäte Gewächshaus-Buchweizen blüht, sind beim Freiland-Buchweizen erst die Keimblätter sichtbar. Er wird im August blühen. Wie lange es dann bis zur Ausbildung der Körnerfrüchte dauert, weiß ich noch nicht. Der Gewächshaus-Buchweizen wird es mir demnächst verraten.








11. Juni 2016

Nachtregenbogen - In heaven

"Der Tag, als der Regen kam", war gestern. Endlich vom Staub reingewaschene Luft, freies Atmen, leuchtende Farben und ... ich muss den Garten nicht wässern. Ob es den hiesigen Wassermangel behoben hat, ist unwahrscheinlich, denn es bräuchte 14 Regentage, um aufzuholen, was fehlt.




Dabei kam es richtig "dick". Statt vor sich hin säuselnder Landregen, der für die Frühsommerzeit gewöhnlich ist, Platzregen, Hagel, leichtes Gewitter und ein Temperatursturz von 6 Grad. Vor dem Haus bildet sich auf dem frisch geteerten Wegstück in Kürze ein See, der zusehends größer wird und Befürchtungen nährt, das Wasser könne in den nächsten Minuten ins Haus laufen.



Zwischendurch gibt es Regenpausen, in denen das Wasser zum Glück im Erdboden rundherum versickert, bis zum nächsten Wolkenbruch.


der Mohn im Garten wird zum "Klatschmohn"
Und dann um 21.30 Uhr der versöhnliche Teil der Wetterveranstaltung: ein Nachtregenbogen, weil im Norden die Sonne um diese Zeit immer noch nicht untergegangen ist. Die Zeit der "hellen Nächte" hat begonnen.



Verlinkt mit "In heaven" der Raumfee

7. Juni 2016

Die "Rote Diva"

Ich begegnete ihr im Garten. Sie trug schickes Rot und das Ganze im Kontrast zum thujagrünen Hintergrund. Wie kleine Flammen saßen die Blüten darauf. Wer sich fragt, ob ich von einer extravaganten Dame spreche: Ja, das tu ich. Die Südamerikanerin stammt aus Chile, feurig und kapriziös aber irgendwie auch hart im Nehmen.

Die "rote Diva" hat ihre Verwandten im Pflanzenreich, in der Familie der Kressen. Als spektakuläre Pracht-Kresse mit dem botanischen Namen -Tropaelanum speciosum- klettert sie im Urwald an anderen Pflanzen empor, Richtung Sonnenlicht. Die Vorliebe für ihren Standort hat sie hierher mitgebracht. Das ist wie bei den Menschen, die sich in der Fremde Orte suchen, die der Heimat ähnlich sind. Man hält es dort am besten aus.

Voller Stolz zeigten mir die beiden älteren Herrschaften ihren Neuzugang im Garten und ich war ehrlich angetan. Ich erfreue mich sonst keiner besonderen Sammelleidenschaft für Pflanzen, aber die Diva aus dem Urwald begann mich zu interessieren. Und so fragte ich meine botanisch bewanderten Bekannten über die Südamerikanerin aus.

Was ich da hörte war allerdings alles andere als für schwedische Klimaverhältnisse Erfolg versprechend:  Die selten käuflich zu erwerbende Pflanze ziert sich in den ersten Jahren mit dem Wachstum. Bevor sie so richtig gedeiht, möchte sie begraben (?) werden. Sie wird erst einigermaßen winterhart, wenn sie sich an ihrem neuen Platz gewöhnt hat, - usw., usw. .

Das alles klang nicht nach einer Pflanze, die in meinem Garten eine Chance hätte. Was mich schließlich dazu brachte in der Gärtnerei nach Exemplaren zu fragen, kann ich heute nicht mehr genau sagen, denn das ist schon über drei Jahre her. Die Besitzerin der Gärtnerei ließ mit Anfragen an den Lieferanten nicht locker und ich erkundigte mich in der Folge immer wieder einmal danach, wobei die Lieferung aussichtslos schien ... bis ich überraschend einen Anruf bekam: "Die "Eldkrasse", so ist ihr schwedischer Name, ist abholbereit."

Ehrlich gesagt, ich hatte nicht mehr damit gerechnet und mir darum keine weiteren Gedanken gemacht.

Ich war dermaßen überrascht, dass das "Wohin damit" völlig ungeklärt war  und die Diva erst einmal ein paar Wochen in einer Notunterkunft untergebracht werden mußte. Das Gewächshaus hat ihr anscheinend nicht schlecht gefallen, sie entwickelte zusehends größere Blätter. In der Zwischenzeit suchte ich in meinem Garten nach einem akzeptablen Platz.

Im Garten ist es da, wie im Leben. Man muss sich von alten Dingen verabschieden, bevor Neue ins Leben treten können. Ein Busch, der mir und der Eingangstür über den Kopf gewachsen ist wurde in einer zweitägigen Aktion mitsamt der Wurzel ausgegraben. Das schuf nicht nur Licht und Luft im Eingangsbereich, sondern Raum für die "Rote Diva" und ein bißchen Urwaldlichtungs-Flair im Norden.




die "Rote Diva" möchte tief eingegraben werden. Hier bin ich bei 40cm angelangt, das Minimum.



Und nun heißt es abwarten und Tee trinken, viele und große Tassen Tee. Es dauert Monate, manchmal Jahre, bis das kleine Pflanzenwunder an die Oberfläche gelangt. Und dann sollte es ungefähr so aussehen.

aus Curtis Botanical Magazin; William Jackson Hooker